Letztlich war es keine Überraschung mehr, dass Nikolaus Brenders Vetrag als Chefredakteur des ZDF nicht verlängert wird. Zu deutlich hatte sich der CDU-Freundeskreis im ZDF-Verwaltungsrat von ihm distanziert. Alles andere als seine Ablösung wäre eine schlappe für den (reinen) Machtpolitiker Roland Koch. Für ihn ging es vielleicht wirklich nur um eine unliebsame Personenentscheidung. Im Kern haben die Politiker im ZDF-Verwaltungsrat einen öffentlichen Prozess in Gang gesetzt, welcher dem System der Öffentlich-Rechtlichen in Deutschland gefährlich werden kann. Eventuell haben Koch und Konsorten ihren Einfluss in den Gremien der ÖR durch diese blödsinne Aktion aufs Spiel gesetzt.

Dabei interessieren mich hier 3 Komponenten:
1. Die öffentlich Erregung in den Medien
2. eine mögliche verfassungsrechtliche Würdigung der Entscheidung des Verwaltungsrates
3. eine gesellschaftliche Debatte über die Rolle von Politikern in Medienhäusern

1. Die öffentliche Erregung in den Medien

Deutschland ist jetzt Berlusconi-Land. Die Aussage bildet die Meinung vieler Medienmacher ab, die sich heute zum ZDF geäußert haben. Brenders Abwahl dient als Beleg für die fehlende Staatsferne der ÖR oder (anders herum betrachtet) die zu großen Einflussmöglichkeiten von Politikern. Journalisten als Meinungsmacher haben (und nutzen) die Möglichkeit, eigene Themen zu setzen und sie über einen langen Zeitraum zu spielen (manche würden von Kampagnen sprechen). Bei einem Thema dieser Relevanz und beruflichen Nähe der Berichtenden gehe ich davon aus, dass wir davon noch viel hören, lesen und sehen werden. Ich hoffe es. Da es auch auf Seiten der Politik Interessen gibt, Machtverhältnisse in den ÖR entweder zu verschieben oder die Strukturen abzuschaffen(weil sie nicht drin vorkommen?), kann ein Wechselspiel zwischen Politik und Medien die Debatte lange am Laufen halten. Auch wird zukünftig jede Sitzung eines Verwaltungsrates der ÖR (es gibt ja noch eine Reihe von dritten Programmen, Radio-Sender,…) abgeklopft und in ihrer Bedeutung überhöht. Es wird sehr genau hingeschaut werden.

2. eine mögliche verfassungsrechtliche Würdigung der Entscheidung des Verwaltungsrates

Es gibt die Möglichkeit, durch ein ein Normenkontrollverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht die Entscheidung indirekt juristisch überprüfen zu lassen. Klageberechtigt für eine abstrakte Normenkontrolle sind neben dem Bundestag (oder 1/3 seiner Mitglieder), die Bundesregierung oder die 16 Landesregierungen sein. Eventuell könnte auch das ZDF über ein Normenkontrollverfahren vor einem Verwaltungsgericht eine Prüfung einleiten. Diese könnte vom entsprechenden Verwaltungsgericht dem Bundesverfassungsgericht vorgelegt werden.  Die Grüne Bundestagsfraktion hat schon eine entsprechende Klage angekündigt. Dafür ist sie aber auf die Unterstützung anderer Fraktionen angewiesen, damit die Klage von mindestens 1/3 der Mitglieder des Bundestages getragen wird. Beispielsweise die SPD könnte den Antrag unterstützen oder selbst stellen. Kurt Beck war heute (scheinbar) so empört, man müsste eigentlich fest davon ausgehen können, dass er selbst Klage erhebt. Sollte sie zustande kommen, wird es erst richtig interessant. Geprüft würde der gerade novellierte ZDF-Staatsvertrag. In die Prüfung müsste das Bundesverfassungsgericht alle Elemente des Staatsvertrags einbeziehen. Alles kommt auf den Prüfstand. Auch die politische Durchdringung der Verwaltungsgremien des ZDF. Zu welcher Abwägung das Bundesverfassungsgericht hier kommt, scheint dabei offen zu sein. Hätte die CDU den Brender-Aufstand unterlassen, hätte es sicherlich keine Klage gegeben. Zu einem späteren Zeitpunkt wäre sie wohl nicht mehr möglich, wenn ich mich recht entsinne, gibt es eine kurze Verjährungsfrist.

3. eine gesellschaftliche Debatte über die Rolle von Politikern in Medienhäusern

Wie ich oben schon geschrieben habe, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass wir eine lange Debatte über die ÖR und ihre staatsnähe bzw. staatsferne bekommen könnten. Neben dem offensichtlichen Gesprächsbedarf im Berufsstand des Journalismus und der Politik, eignet sich das Vorgehen von Koch auch als Abziehbild für den machtgeilen, skrupellosen Politiker. Das Thema ist Stammtisch-kompatibel. Ein klares Ziel ist auch definierbar: „Politiker raus aus dem ÖR!“ Auch wenn ich mir diese Forderung nicht vollständig zu eigen machen würde (demokratische Kontrolle von öffentlichen Einrichtungen muss sein), unterstütze ich sicherlich nicht als Einziger die grundsätzliche Richtung. Und da wo ein Thema mit klar definiertem Ziel, klar identifiziertem Feindbild (Koch, CDU und die generelle Parteipolitik) entsteht, wird es Politiker geben die sich diese Forderung zu eigen machen. In den (zuständigen) Landtagen könnten diese Debatten sogar zu Positionierungen führen. Öffentlicher Druck und politisches Profilierungsinteresse könnte das Problem auf dem bekannten Wege lösen. Zentral dafür könnte das Verhalten der SPD werden. Sollte sie sich in der Grundfrage konträr zur CDU positionieren und nicht nur bei Abstimmungsniederlagen lamentieren wird Deutschland die Staatsferne des ZDF neu diskutieren.

Fazit

Die gezeigte Arroganz und Machtversessenheit von Roland Koch (der CDU) könnte zu einem erfreulichen Ziel führen. Sie könnte auf juristischem oder politischem Wege dazu führen, dass letztlich ein System der politischen Durchdringung von Medienhäusern zusammenbricht. Eine eigentlich unbedeutende Personalie, ein nervender Journalist, könnte (jetzt kommt die letzte Windung) sogar zur Rettung der öffentlich-rechtlichen Sender werden. Sollte es zu einer Neuaufstellung des ÖR kommen, welcher die Sender frei von staatlicher Einflussnahme stellt, können sie ihren Bedeutungsverlust der letzten Jahre vielleicht stoppen. Sollten die GleichschaltungsGleichmacher in der Politikszene sich aber durchsetzen und wirklich einen braven, biederen Staatsfunk etablieren, der ÖR hätte seine Existenzberechtigung verloren.

Wahlkampf als Hochzeit der demokratischen Debatte eines Wahlvolkes? Der aktuelle Bundestagswahlkampf bringt da einige (auch mich) ins Zweifeln. Nicht nur, dass die Debatten zwischen den Werbern 2009 ziemlich langweilig und wenig zugespitzt daher kommt, auch in Teilen der Bevölkerung und den Medien treffen immer mehr Elemente des Wahlkampfes auf Ablehnung.

Bundestagswahl 2009 – Die Wattebäuschen-Industrie jubiliert

Steinmeier und vor allem Merkel scheinen sich auf einen Wahlkampf festgelegt zu haben, der ohne Zuspitzung, ohne echte Konfrontation, ohne echte Alternativen auskommt. Zwar bedienen sie damit einen (scheinbar) gehegten Wunsch vieler Menschen, dass sich Parteien weniger streiten sollen. Die Konfrontation im Wahlkampf (um inhaltliche und personelle) Alternative bleibt im Meinungsbildungsprozess der Menschen aber weiter ein zentrales Gut.

Die Auflösung tradierter Millieus (und damit kulturellen Vorentscheidungen beim Wahlakt) brachten ursprünglich Bewegung in die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland. Damals reichte es oft, seine eigene Peer-Group durch entsprechende Ansprache zum Wählen zu bewegen. Heute bewegen sich die (ehemaligen) Volksparteien in allen sozialen Bereichen. Aber statt mit Selbstbewusstsein und Verve für ihre Positionen zu kämpfen, scheinen sie nur niemanden aus der großen Wählerschahr verschrecken zu wollen.

Hinzu kommt, dass 2009 das große, allumfassende Streitthema fehlt. 1998 war die Kohl’sche Dämmerung, 2002 der Irak-Krieg, 2005 der Professor aus Heidelberg. Alle diese Themen (und vor allem der Umgang damit) führten zu einer inhaltlichen – und viel wichtiger – kulturellen Profilierung der Parteien und Kandidaten. Nur so wird Identifizierung mit einem Kandidaten erst wirklich möglich. 2009 überwiegt bei mir (in Bezug auf Merkel oder Steinmeier) die Überzeugung: „Is mir doch egal“.

Mein Wunsch für die letzten Tage im Wahlkampf: „Lieber Frank-Walter, liebe Angie, sagt den Menschen um was es geht. Sagt ihnen, warum der/die andere es nicht kann. Sagt ihnen, warum der/die andere es auf keinen Fall werden darf. Und verdammt noch mal, sagt es ZUGESPITZT!“ Was bringt unserer Demokratie ein Wahlkampf der in Wirklichkeit gar keiner ist?

„Es ist ja nur Wahlkampf“ – Medien und Bevölkerung wieder für Wahlkampf begeistern

Nicht nur die beiden Kandidaten haben wohl keine Lust auf Wahlkampf. Wie jedes Jahr ist es schwierig die Menschen für den Wahlkampf zu begeistern. Dass es den Parteien dabei nicht immer leicht gemacht wird, liegt aber (auch) zum Teil auch an den Medien. Sind die Parteien 3 1/2 Jahre für das regieren und opponieren verantwortlich, liegt ihr Schwerpunkt in diesem halben Jahr Wahlkampf bei ihrem verfassungsmäßigen Auftrag, bei der Willensbildung mitzuwirken. Diese Willensbildung findet auf fast jeder Ebene mit fast jedem erdenklichen Instrument statt. Und das ist auch richtig so.

Es gibt beliebte Instrumente (Kugelschreiber) und unbeliebte (Plakate). Aber gerade dieses letzte, unbeliebte Instrument der Plakatierung findet nicht gerade die ungeteilte Zustimmung bei den Menschen. Verständlich auf der einen Seite, schade auf der Anderen. Plakate sind die einzige Möglichkeit, so gut wie jeden Menschen auf das Ereignis Wahl aufmerksam zu machen und die eigene Botschaft oder das eigene Image zu transportieren. Erkannt haben dass nicht nur die Parteien sondern auch die Gerichte. Sie haben den Parteien bei der Art der Plakatwerbung praktisch freie Hand gegeben. Richtig gehend mies finde ich dabei das teilweise Auftreten von Bürgermeistern oder Verwaltungen wenn es um Plakatierung im eigenen Ort geht. Im vergangenen Kommunalwahlkampf mussten wir sogar einmal das Verwaltungsgericht Koblenz anrufen, um in einer Verbandsgemeinde unsere Plakate hängen lassen zu dürfen. Ein Ortsbürgermeister einer benachbarten Stadt hängte unsere Plakate gar eigenhändig ab ohne uns überhaupt zu benachrichtigen. Argument jeweils: „Plakate verschandeln das Stadtbild“.  Korrekt, aber eben notwendig.

Enttäuscht war ich von der Reaktion der örtlichen Presse (Öffentlicher Anzeiger), die uns in einem Kommentar folgendes beschied: „Blabla-Plakate braucht kein Mensch

Auch auf unsere regionale (Print-)Presse in Rheinland-Pfalz bezogen stelle ich mir die Frage, ob es wirklich zweckmäßig ist, dass für die Wochen und Monate vor der Wahl den Parteien nur geringe Budgets an Berichterstattung zugestanden wird. Der Wahlkampf findet hier oft ohne die dringend nötige öffentliche Wahrnehmung statt. Natürlich kann ich mir auch was schöneres vorstellen, als einen Lokalteil der nur aus Politikerbesuchen der örtlichen Bauernhöfe besteht, teilweise wird aber jeglicher politischer (zugespitzter) Dialog außen vor gelassen. Argument: „Ist ja nur Wahlkampf“. Jawohl, es ist Wahlkampf. Aber eben „nicht nur Wahlkampf“ sondern „WAHLKAMPF“. Es geht um unser Land!

Begeisterung für Wahlkampf kann man nicht nur über die Nutzung neuer Medien, neuer Ansprache und dialogorientierung wecken. Es geht auch um die Botschaften und die Zuspitzung. Laut und schrill ist manchmal einfach besser als scheinheilig und verlogen.

Bleibt mir im letzten Satz nur auf folgendes noch hinzuweisen:

Ich liebe Wahlkampf! Es ist einfach die geilste Zeit für Politik!

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