Der SWR und die Rhein-Zeitung berichten, dass die rheinland-pfälzischen CDU über die Spitzenkandidatur zur Landtagswahl 2011 berät. Die Rhein-Zeitung will sogar erfahren haben, dass der Landesvorsitzende Christian Baldauf dort seinen Verzicht erklärt und der neuen Staatssekretärin Julia Klöckner den Vorzug gewährt. Nur mal angenommen entsprechendes würde entschieden, was würde das für die Zeit bis zur Landtagswahl bedeuten? (mal ein wenig rumgesponnen)

Für die CDU: Wahrscheinlich wäre das in der CDU eine echte Überraschung. Seit dem unrühmlichen Abgang von Bernhard Vogel als Landesvorsitzender 1988 gab es keinen echten starken Chef der CDU. Christian Baldauf wäre aber der erste, der es nicht auf eine offene Machtprobe ankommen lässt, sondern öffentlich eine scheinbar erfolgversprechendere Kandidatin in den Kampf schickt. Sollte sich diese Sicht bei der CDU durchsetzen, könnte es unter Umständen sogar der Anfang einer neuen Geschlossenheit in der Partei sein. Die Gräben sind aber tief, ob das reichen würde, muss sich erst beweisen.

In der Tat dürften die Chancen der CDU auf ein anständiges Wahlergebnis mit einer Spitzenkandidatin Julia Klöckner durchaus höher sein. Weder hat sich Christian Baldauf  bisher ernsthaft als Konkurrent zum Ministerpräsidenten aufbauen können, noch scheint er das politische Talent dazu wirklich zu besitzen. Seine letzten Reden im Landtag (bspw. zum Nürburgring) waren teilweise unterirdisch. Sind sie inhaltlich noch halbwegs tragbar, wird seine Rhetorik nichtmal einem Provinz-Parlament (Landtag RLP) gerecht. Er tritt brachial, laut und dumpf auf. Diese Eigenschaft könnte sich für die CDU aber noch als nützlich erweisen, dazu aber später mehr.

Julia Klöckner bringt als Kandidatin mehrer Vorteile mit:
- Sie ist auf der einen Seite das komplette visuelle Gegenbild zu Kurt Beck (was hab ich da lange drauf gewartet…)
- Sie hatte in der Vergangenheit Wahlerfolge gefeiert
- Sie wirkt ebenso bodenständig wie Beck, gefährdet ihn also in seinem Markenkern
- Sie kann Menschen dort erreichen, wo die SPD bisher stark war
- Sie war mal Weinkönigin (höchste Auszeichnung in Rheinland-Pfalz neben Karnevalsprinz)
- Sie strahlt dennoch Moderne und Zuversicht aus
- Sie könnte ähnliche bundesweite Aufmerksamkeit bekommen (bei entsprechender Unterstützung durch Merkel) wie der rheinland-pfälzische Ministerpräsident
- und vor allem: Sie kann von Berlin aus eine kleine Merkel zelebrieren. Sie lässt ihre medialen Talente spielen, begibt sich aber nicht in den direkten Zweikampf mit Sozialdemokraten.

Ganz so simpel ist es dann doch nicht, denn schwierig ist:
- Sie hat bisher Landespolitik nur als Wein-Promotion zelebriert
- Sie war mal Weinkönigin (kann man so jemanden Ernst nehmen?)
- Sie kann im direkten Kontakt nicht wirklich überzeugen
- Sie strahlt Moderne nur aus
- Sie kann keine Landtagsauftritte hinlegen, sich nur indirekt gegen Beck direkt profilieren

Insgesamt könnte sich für die CDU eine gewinnbringende Situation ergeben. So dürfte Baldauf weiter den Haudrauf im Landtag geben und den Ministerpräsidenten bis 2011 mit dem Nürburgring in die Ecke drücken. Zeitgleich könnte Klöckner mit besonnenen Auftritten und Charme die Wähler umschmeicheln. Stellt sich in der CDU kein Machtkampf ein und wird Klöckner auch von Landtagsfraktion und den Bezirken unterstützt, dürfte die Kampagne zumindest nicht mehr an der Spitzenkandidatur scheitern (wie z.B. 2001 und 2006). Problematisch wird es aber für Baldauf. Ein Landesvorsitzender, der nicht wirklich sicher im Sattel sitzt, könnte von interessierter Seite schnell aus der Bahn geworfen werden. Eine potentielle Nachfolgerin stünde ja bereit. Es bleibt also spannend, was die Geschlossenheit der CDU angeht.

Für die SPD: Der kleine, bellende Baldauf wäre für Beck ein Kinderspiel gewesen. Baldauf erweckte immer den Eindruck, die Augenhöhe zu Beck nur durch Lautstärke wett machen zu wollen (und können). König Kurt hätte sich nur selten zu ihm herab lassen müssen, die direkte Konfrontation wäre gar nicht nötig gewesen. Auch muss er auf den bodenständigen Charakter von Julia Klöckner reagieren. Eine simple Zuspitzung auf Beck als Spitzenkandidaten wird diesesmal schwieriger, da er und sie sich von der Ansprache nicht stark unterscheiden. Und auf eine klassische “Er oder sie”-Kampagne, mit einem implizit-frauenfeindlichen Unterton würde sich die SPD (hoffentlich) nicht einlassen.

Sollte er die Außeinandersetzung mit Klöckner suchen, wird es für ihn kompliziert. Als Staatssekretärin kann sie zwar auf gewisse Öffentlichkeit hoffen, tritt im Zweifel aber immer hinter die Ministerin zurück. Sie hingegen kann komfortabel austeilen (wenn sie mag) oder als Merkel auftreten. Auch wenn sie die Herausforderin ist, den Zweikampf müsste Beck suchen.

Für die FDP: Insgesamt hat sich die politische Großwetterlage in Rheinland-Pfalz inzwischen geändert. Die FDP ist deutlich vernehmbar von ihrem ehemaligen Lieblingspartner SPD entwöhnt und sucht die Nähe der CDU. Zwar würde sie wohl kein schwarz-gelbes Projekt in Rheinland-Pfalz starten (auszuschließen ist es aber auch nicht), sie profitiert aber auf alle Fälle von einer starken CDU. Dies garantiert der FDP wieder als Mehrheitsbeschaffer gebraucht zu werden.

Für die GRÜNEN: Sollte die CDU sich durch Julia Klöckner wirklich ein moderneres Image zulegen können, müsste darauf auch die SPD reagieren. Entweder sie geht ins Feld und kämpft um jeden Wähler (macht natürlich jeder), oder sie bewegt sich ebenfalls ins Moderne. Das könnte für die SPD schwierig werden. Auch wenn Kurt Beck inzwischen unter seinem Namen twittern lässt, er ist und bleibt unmodern. Dennoch könnte ein neues Programm und weniger Dialekt im Kabinett Auswirkungen auf die GRÜNEN haben. Sie finden ihre Wähler weiterhin in den Städten, in Stadtteilen die mit Lokalkolorit tendenziell weniger am Hut haben. Insofern könnte die Kandidatur von Julia Klöckner auf die GRÜNEN schwierig werden. Würde man allerdings unterstellen, dass die SPD (wie oben beschrieben) keine reine Kurt Beck-Kampagne umsetzt, wäre dies ein Befreiungsschlag für die GRÜNEN. Die Omnipräsenz und Beliebtheit von Beck (auch bei Grünen-Wählern) war 2006 mit dafür verantwortlich dass sie an der 5%-Hürde gescheitert sind.

 

 

Bei der Aufarbeitung des Nürburgring-Skandals fixierte sich bisher die Öffentlichkeit auf den ehemaligen Finanzminister Deubel, seinen Nachfolger Kühl sowie den Ministerpräsidenten Kurt Beck. Auch wenn schon einige Unzulänglichkeiten mit dem Namen Beck verbunden sind, so richtig kritisch wurde es für ihn bisher noch nicht. Nach der heutigen Plenardebatte im Landtag hat sich dies vielleicht geändert. Dort ging es einmal mehr um die gescheiterte Privatfinanzierung des Ring-Werkes am Nürburgring. Anlass war, dass der SWR herausgefunden hatte, dass das Landeskriminalamt im September 2008 und März 2009 auf Bitten des Innenministers die Finanzierung durch die beiden dubiosen Finanzvermittler untersuchte. Die beiden Untersuchungen durch das LKA verliefen im Sande, da keine Anhaltspunkte für eine Straftat gefunden wurden. Ein Anfangsverdacht (Geldwäsche) muss aber zumindest bei Bruch und Deubel vorhanden gewesen sein, sonst hätten sie sicherlich nicht das LKA um Ermittlungen gebeten. Heute gab Innenminister Bruch in der Fragestunde des Parlaments bekannt, dass er “ein schlechtes Gefühl” bei der Sache hatte und dies dem Finanzminister damals auch mitteilte. Auch habe er über die Ermittlungen in beiden Fällen sowohl den Finanzminister (“detailliert”) und den Ministerpräsidenten (“grob”) unterrichtet. Zweifel an dem Finanzkonstrukt waren der Landesregierung, hier den drei genannten Kabinettsmitgliedern, also nicht fremd.

Am 24. Juni diesen Jahres sagte Kurt Beck im Laufe der damaligen Plenardebatte: “…weil nach all dem, was mir berichtet worden und mir nach sorgfältiger Begutachtung zur Kenntnis gekommen ist, es für mich keinen Anlass gibt, an der Seriosität dieser Finanzierung zu zweifeln“. (Seite 4138)

Ebenso sagte er damals zur Finanzierung: “Die Aufgabe des Ministerpräsidenten ist es, sich darüber einen Überblick zu verschaffen. Diesen Überblick habe ich. So habe ich geurteilt. So habe ich mich öffentlich geäußert und nie anders.” Dies war Teil der Aktuelle Stunde des Landtages. Die SPD beantragte diese unter dem Titel “Die Finanzierung Nürburgring steht” (sic!)

Kurt Beck wurde von Innenminister Bruch mindestens zweimal über Ermittlungen des Landeskriminalamtes informiert. Ebenso dürfte Bruch Beck gegenüber sein “schlechtes Gefühl” geäußert haben. Die Kenntnis dieser Vorgänge gehört sicherlich zu dem, was der Ministerpräsident mit “einen Überblich verschaffen” oder “sorgfältiger Begutachtung” meint.

Wenn er dann davon spricht, dass er nicht einmal einen Anlass sieht, an der Seriosität der Finanzierung zu zweifeln, beginnen ich an der Seriosität des Ministerpräsidenten zu zweifeln.

 

 

 

Die skandalträchte Bauzeit der Nürburgring-Erlebniswelt nähert sich ihren Ende. Ein guter Grund für die Nürburgring GmbH als Betreiber und die Landesregierung als Mehrheitseigner eine zweite Eröffnungsfeier zu veranstalten. Die erste Eröffungsfeier am 9. Juli war überschattet vom Rücktritt des damaligen Finanzministers Deubel, der über die Finanzierung der Erlebniswelt stolperte. Auch anschließend schaffte es der Nürburgring immer wieder, sich prominent in der Öffentlichkeit zu positionieren (Auszug):
- Die peinliche Werbekampagne wurde kostenlos von zahlreichen weiteren Medien weiterverbreitet.
- Der angebliche Investor stellt MP Beck bloß
- Eine Hausdurchsuchung bei einem Journalisten wurde durch Gerichtsbeschluss verboten

Auch die zweite ErRingwerk Entschuldigungöffnungsfeier war nicht die erhoffte Jubelveranstaltung. Zahlreiche Attraktionen des neuen Ring-Werks waren immer noch nicht fertig gestellt, oder schon vor der Eröffnung wieder defekt. Die Besucher wurden dafür zwar finanziell entschädigt, peinlich ist aber auch dieser Zwischenfall. Bezeichnend, dass nicht einmal der Ministerpräsident persönlich an der Eröffnung teilnahm. Sein Wirtschaftsminister Hering musste ihn vertreten.

Defekt waren im Einzelnen:

- die Hauptattraktion Ring-Racer (irgendwas explodiert, außerdem keine Freigabe vom TÜV)
- Truck-Simulator (technische Mängel)
- das Multimedia-Theater “Grüne Hölle” (umfangreiche Programmierarbeiten?)
- Formel 1- Simulator (technische Probleme)
- Motor-Mania (teilweise Defekt, daher vor allem ziemlich langweilig)

Finanziell tragfähig?

Daher ist die GmbH dazu übergegangen, die nächsten Wochen als Schnupperwochen zu bezeichnen. Verbilligter Eintritt und eine Freikarte sind die ungewollten Folgen. Beides spielt natürlich auch nicht dem erklärten Ziel der Landesregierung in die Hände, dass der neue Nürburgring sich finanziell trägt. Nicht nur, dass die wichtige Eröffnungsphase (große Neugier, Tagesgespräch in de Region) in die Hose geht und Gäste nicht gerade zum Wiederkommen einlädt, die Mund-zu-Mund-Propagande ist wahrscheinlich vernichtend.

Steht eigentlich schon der Termin für die dritte Eröffnungsfeier? Herbstferien sind übrigens vom 12.- 23. Oktober…

Heute trat der rheinland-pfälzische Finanzminister Ingolf Deubel von seinem Amt zurück. Er stolperte über die gescheiterte private Finanzierung eines Freizeitparks auf dem Gelände des Nürburgrings. Hintergründe zum Rücktritt gibt es z.B. beim SWR, der Rhein-Zeitung und (natürlich) google-news. Ingolf Deubel übernahm mit seinem Rücktritt die politische Verantwortung für den Deal, der seit Monaten in Rheinland-Pfalz heiß umstritten war. Das 250 Mio.-Projekt wird nun komplett über Steuergelder finanziert, ein Konstrukt dass Deubel unbedingt verhindert wollte.

Der Rücktritt des Finanzministers macht nun den Blick frei auf die weiteren Akteure im Ring-Spektakel. Nachfolger Carsten Kühl ist schon heute im Aufsichtsrat des Nürburgrings als Vertreter des Wirtschaftsministeriums vertreten. Er vertritt vertrat ebenfalls die Deubel’sche Linie der Privatfinanzierung. Eine Aufklärung und Aufarbeitung der Fehler sind unter diesen Umständen sicherlich schwierig. Kühl muss nun ein Projekt beerdigen, welches er selbst mitgetragen hat.

Die Rolle des Ministerpräsidenten
Die Richtlinienkompetenz bei jedem bedeutenden Landesthema hat naturgemäß der Ministerpräsident. Und noch am 16. Juni verteidigte er das Vorgehen von Deubel nach einer Ministerrunde vehement.
“Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) attestierte Deubels Finanzmodell das Prädikat des “ehrbaren Kaufmanns”. Er dankte Deubel, “der ja auch vieles ertragen musste in den letzten Monaten und gezeigt hat, dass er die Nerven nicht verliert und dass er wider alle Unkenrufen einen Weg findet, der verantwortbar und der gangbar ist”.”

Politisch hat der Ministerpräsident die Verantwortung für das Tun und Handeln seines Finanzministers damit übernommen und befürwortet. Noch weiter geht hier Wilm Hüffer vom SWR, der Beck bescheinigt, dieses Finanzkonstrukt nicht nur befürwortet hat, sondern sogar entscheident voran getrieben. Er kommt zum Ergebnis: “Das Finanzabenteuer am Nürburgring – es trägt den Namen Kurt Beck.

Untersuchungsausschuss mehr als wahrscheinlich
Sollte diese Auffassung sich durchsetzen, könnte es für Beck noch ziemlich böse werden. Die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses (vielleicht noch diesen Freitag) ist praktisch ausgemachte Sache. Die CDU hat wohl schon vor Wochen einen entsprechenden Vorratsbeschluss in der Fraktion gefasst. Spätestens bei diesen Untersuchungen (die sich bis zu den Landtagswahlen 2011 hinziehen dürften) hat Beck keinen Finanzminister mehr, der die Verantwortung tragen kann. Der Ministerpräsident steht dann alleine im Wind.

Seit Rudolf Scharping 1991 wird Rheinland-Pfalz von Sozialdemokraten regiert. Anfangs in einer sozialliberalen Koalition, seit 2006 mit absoluter Mehrheit unter Ministerpräsidenten Kurt Beck. Dabei gilt Rheinland-Pfalz traditionell durch das kleinbäuerlich-konfessionell geprägten Millieu als eher konservativ und typische Hochburg der CDU. Dennoch konnten zuerst Scharping und später Beck (unter kräftiger Beihilfe einer seit jahrzehnten heillos zerstrittenen CDU)  mit einer deutlich konservativen Auslegung des Sozialdemokratischen aus Rheinland-Pfalz eine Hochburg der SPD basteln. Das erreichen der absoluten Mehrheit bei den Landtagswahlen 2006 stellte dabei den absoluten Höhepunkt dar.

FDP als bürgerliches Korrektiv fiel weg

Wie bei jedem Höhepunkt, geht es auch hier inzwischen steil bergab. Dabei verliert die SPD (derzeit) noch wenig an Unterstützung in Form von Wählerstimmen, vielmehr zerstört sie nachhaltig das Fundament, auf dem sie die Wahlsiege der vergangenen Jahre baute.  Die Ministerpräsidenten und Minister der SPD entwickelten in der Außenwahrnehmung eine besondere Nähe zu den Bürgerinnen und Bürgern, ihnen wurde ein Riecher für die wichtigen Themen und Probleme nachgesagt. Auch nutzte vor allem Ministerpräsident Beck jeden erdenkliche Möglichkeit sich den Wählern direkt zu präsentieren. Dabei machten sie sich auch den Koalitionspartner FDP zu nutze, die sie als eine Art “konservativ-bürgerliches Korrektiv der SPD” positionierten. Die FDP nahm diese Rollenzuschreibung sehr gerne an, denn sie hatte dadurch eine Funktion in der Landespolitik, die sie zur glaubwürdigen und vermittelnden Regierungspartei machte. Belohnt wurde sie durch einen über maßen großen Einfluss auf die Politik der Landesregierung.

Nachdem die SPD durch den überraschenden Wahlsieg 2006 mit der FDP ihren bürgerlichen Transmitter verlor, waren die Genossen zwischen Jubel und Bedenken hin und her gerissen. Wie wichtig die FDP der SPD doch war, zeigte sich auch daran, dass Kurt Beck ohne Not der FDP ein Koalitionsangebot machte. Über die Gemüts- und Koalitionsfrage schrieb die Süddeutsche

Die SPD kann nun ihrem langjährigen Koalitionspartner FDP den Laufpass geben. Beck kündigte nach den ersten Ergebnissen zwar an, er werde auf jeden Fall mit der FDP Gespräche führen. Dies gebiete die Fairness nach 15 Jahren guter Zusammenarbeit. Er relativierte aber frühere Aussagen des SPD-Fraktionschefs Joachim Mertes.

Dieser hatte gesagt, seine Partei wolle auch bei einer absoluten Mehrheit dem bisherigen Koalitionspartner ein Angebot zur Regierungsbeteiligung machen. Der bisherige Juniorpartner kam auf etwa 8 Prozent der Stimmen und konnte damit gegenüber 7,8 Prozent 2001 sein Ergebnis halten.

Und in der Tat zeigt sich schon seit einer Weile, dass der weggefallene Druck eines kontrollierenden Koalitionspartners und die Maßgabe “SPD pur” inzwischen ein Problem für die Genossen darstellt. Wohl dem mangelnden Druck zur Sorgfältigkeit in einem Kabinett aus lauter Sozialdemokraten sind die zahlreichen Skandale und Skandälchen geschuldet, die vorher entweder nie das Licht der Öffentlichkeit erreichten oder tatsächlich nicht stattfanden. Und dem Druck der Basis nach eben der “SPD pur” entsprangen Ideen und Maßnahmen, die ein MP Beck vorher mit einem Hinweis auf den bürgerlichen Koalitionspartner leicht vom Tisch wischen konnte.

Zuviele Skandale und Skandälchen

Die Aufzählung der Aufregerthemen seit 2006 liest sich imposant:

- ARP-Skandal
- Erlebniswelt Nürburgring
- Steuerzahlergrab Flughafen-Hahn
- Flughafen Zweibrücken und der EU-Subventionsbericht
- Brücke im Welterbe Mittelrheintal
- Abhörskandal in Landau
- Kurt Becks Berlin-Abstecher
- zusammengestauchte Kommunal- und Verwaltungsreform
- regelmäßige Reduzierung der Stadionmiete von Becks Heimatverein 1. FC Kaiserslautern
- Schwiegersohnaffäre von Innenminister Bruch
- Verfassungsskandal bei Richterpostenvergabe durch Justizminister Bamberger

Vielleicht das größte Problem für die SPD ist dabei weniger der einzelne Skandal, noch die Summe der Verfehlungen. Der bisherige König Kurt Beck hat durch seinen von Pleiten, Pech und Pannen dominierten Berlin-Abstecher einiges an Nimbus und Sinnbild bei den Wählern verloren. Zwar sympathisierten die Rheinland-Pfälzer mit dem geschlagenen Helden Kurt Beck, als er sich erschöpft und beleidigt wieder nach Mainz zurückzog. Allerdings bleibt der Imageverlust bestehen. Die Menschen lernten Kurt Beck von einer Seite kennen, die hier nicht im Mittelpunkt der Wahrnehmung stand. Er musste seine Rolle als Machtpolitiker in Berlin annehmen und spielen. Außerdem enthob ihn das Amt des SPD-Bundesvorsitzenden vom Nimbus des überparteilichen Landesvaters. Ganz neue Töne waren auch sein Plauder-Skandal, als er kurz vor der Landtagswahl in Hamburg sich zu Rot-Rot-Grün in Hessen bekannte. Kurt Beck als Linker? Das war neu für die Wähler in RLP.

Zu dieser Zeit, als er fremdelnd wie bei einem Schüleraustausch durch Berlin torkelte, mussten Kabinett, Fraktion und Partei in Rheinland-Pfalz sich stärker selbst organisieren. Wie sich rückblickend zeigte, sind sie damit deutlich überfordert. Zum Beispiel wurde öffentlich über Nachfolger spekuliert. Der bis dato nicht genannte Fraktionsvorsitzende Hartloff war sich sogar nicht zu Schade, sich durch ein Zeitungsinterview bei der Rheinpfalz selbst ins Spiel zu bringen. Innenminister Bruch bedachte seinen (damals) zukünftigen Schwiegersohn mit einem freihändig vergebenen Auftrag, Kulturstaatssekretär Hoffmann-Göttig wollte sich eine Austellung seiner eigenen Fotografien in einem Landesmuseum genehmigen

Die “SPD Pur”

Die Politik in Rheinland-Pfalz hat sich nach dem Ausscheiden der FDP aus der Regierung verändert. Wie dies politisch zu bewerten ist, kann jedem selbst überlassen bleiben. In ganz Deutschland sind Hauptschulen in den letzten Jahren in der Wahrnehmung, aber auch der Realität zu einer “Reste-Schule” verkommen. Zahlreiche Bundesländer haben daraufhin Schulstrukturreformen durchgeführt und die Hauptschule in neue Typen übernommen. Dass dies auch in Rheinland-Pfalz geschehen ist, ist allerdings ein wenig überraschend. Gerade auf dem Land ist war ein Hauptschulbesuch nicht in erster Linie mit Chancenlosigkeit im späteren Berufsleben verbunden. Im Gegenteil gilt galt der Hauptschulbesuch als zielführend um schnell ins Berufsleben einsteigen zu können. Das aus der Schulreform dann auch noch ein handwerklich bedenkliches Stückwerk wurde, machte die Vermittlung nicht einfacher, die Diskussionen an den betroffenen Standorten aber lebhafter.

Das deutlichste Zeichen der Entfremdung von Bürgerwelt und Regierungsbank war aber wohl die Veröffentlichung eines Entwurfs zum Landesentwicklungsprogramm IV, grob gesagt, der Grundlage der Landesplanung auf kommunaler Ebene. Durchaus progressiv in den Vorschlägen, aber teilweise himmelweilt davon entfernt was die Basis erwartete. Es entstand in den Medien ein Bild von einer Regierung, die dem ländlichen Raum den Platz für Entwicklung und Fortschritt nehmen wollte und ganz auf die (wenigen) Ballungszentren in Rheinland-Pfalz setzt. Der Entwurf war scheinbar soweit an den Bedürfnissen der Bevölkerung vorbei geschrieben, dass selbst die eigene Landtagsfraktion eine Überarbeitung des Regierungsentwurfes beschloss.

SPD-Niedergang vorprogrammiert oder Auswegmöglichkeiten erkennbar?

2011 finden in Rheinland-Pfalz die nächsten Landtagswahlen statt. Schon jetzt scheint klar, dass sich einiges an der strategischen Ausgangslage für die SPD geändert hat. Neben den beschriebenen Problemen bei der Realitätswahrnehmung, der Entfremdung von den Bürgern und dem fehlenden bürgerlichen Feigenblatt, spielen noch weitere Punkte der Opposition in die Hände. Bis 2006 war die FDP in einer Nibelungentreue der SPD verbunden. Sie fühlte sich in ihrer Rolle für die SPD so wohl, dass sie kein Interesse an einem Koalitionswechsel zur CDU erkennen lies. Inzwischen haben aber einige der alte Garde den Rückzug aus der ersten Reihe angetreten und die traditionelle Nähe der FDP zur CDU kommt immer deutlicher zum Vorschein. Zum heutigen Tag ist eine Neuauflage von Rot-Gelb sicherlich nicht naturgegeben, bei einer anhaltenden Absetzbewegung der FDP zum Zeitpunkt der kommenden Wahl sogar sehr unwahrscheinlich.

Sollte die CDU es nun noch schaffen, einen eigenen Parteivorsitzenden zu akzeptieren und unterstützen, der sich dann auch nicht nur durch Beliebigkeit auszeichnet, wird es ziemlich eng. Von der anderen Seite arbeiten sich Grüne und Linke am geschwächten Ministerpräsidenten ab. Erreichten beide zusammen 2006 nur etwa 7% und schafften nicht mal den Sprung in den Landtag, stehen die Chancen für sie 2011 deutlich besser. Interessant ist aus heutiger Sicht, dass wir Grüne in Rheinland-Pfalz, bei einem Wiedereinzug in den Landtag (das muss verdammtnochmal auch klappen) vielleicht sogar in eine Entscheidungssituation rutschen könnten, auf die wir seit über 20 Jahren warten. Relevant könnte die Frage aus folgendem Grunde werden:

1. Sollte die SPD 2011 nach ihrer SPD-pur-Alleinregierung bei den Wahlen trotz allem die meisten Stimmen holen, hätte sie mit dem Mythos (scheinbar) aufgeräumt, das Rheinland-Pfalz nur mit einem konservativen und bürgerlichen Partner regierbar ist
2. Ministerpräsident Beck hat sich durch seinen Berlin-Aufenthalt zu einem ganz normalen Politiker zurück entwickelt.
3. die Männerfreundschaften, welche SPD und FDP zusammengehalten haben, sind nicht mehr eng genug.
4. die Grünen haben sich auch in Rheinland-Pfalz zu einem potentiellen Koalitionspartner entwickelt, der Erfordernisse des regierens erkennt und verarbeitet.

Was aber natürlich gegen eine solche Fragestellung spricht, ist die aktuelle Skandalanfälligkeit der SPD. Fünf Jahre reaktive und so deutlich kritikwürdiges Agieren werden die Wähler in Rheinland-Pfalz sicherlich nicht mit Mehrheiten garnieren. Daher bleibt es echte Spekulation, ob die kommende Landtagswahl 2011 wirklich nur ein Kapitel im schleichenden Umbruch oder radikalen Niedergang der SPD Rheinland-Pfalz darstellt.

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