Eine neue Attraktion im Mainz Stadtbild und dem öffenlichen Personennahverkehr stellt die Mainzer Verkehrsgesellschaft (MVG) vor. Der Mainz05-Forschungsbus! Erforscht wird allerdings nicht Mainz 05, sondern das Verhalten der NutzerInnen des ÖPNV in Mainz. Und dies nicht durch die schon vorhandenen Kameras in den Mainzer Bussen, sondern durch eine ganz neue Batterie an elektronischen Maßnahmen. 20 Sitze sind mit Sensoren ausgestattet, außerdem wird jeder Nutzer durch Kameras erfasst.
Sensoren in den Sitzen und eine Videokamera sollen zeigen, welche Altersgruppen und Geschlechter den Bus wie und zu welchen Zeiten nutzen.
Da Sensoren alleine wohl kaum Altersgruppen und Geschlecht durch die Gesäßform der Sitzenden erkennen können, muss man davon ausgehen dass Mitarbeiter die einzelnen Personen über die Kameras entsprechend einschätzen und klassifizieren. Anonyme Auswertungen sehen definitiv anders aus. Rechtfertigend entgegnet die MVG, dass die Nutzer beim Einsteigen auf das Forschungsvorhaben „Textralog“ hingewiesen werden. Den ersten Bildern (Bild 3 von 6) ist allerdings nur zu entnehmen, dass auf ein ÖPNV-Forschungsvorhaben hingewiesen wird, welches vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt wird. Ansonsten lenkt die Gestaltung in typisch Mainzer Lokalkolorit vom eigentlichen Vorhaben im Bus ab.
Auch wenn die Nutzer vom dem Besteigen des Busses über das Vorhaben umfassend aufgeklärt würden, wird es nicht besser. Da der Bus auf allen Linien in Mainz eingesetzt wird, dürfte er bspw. auch im Nachtbusverkehr oder auf Linien mit niedriger Fahrfrequenz zum Einsatz kommen. Sollten sich Menschen dieser vollständigen Überwachung nicht aussetzen wollen, müsste sie eventuell eine weitere Stunde warten oder den letzten Bus des Tages verpassen. Eine Wahl bleibt den Menschen nicht. Auch tagsüber im Berufs- oder Schülerverkehr wird sicherlich der Druck pünktlich am Arbeitsplatz/der Schule zu erscheinen höher sein. Die Information zur Überwachung bleibt daher irrelevant, da die Wahl den Bus nicht zu nutzen eher eine theoretische ist.
Auf die wissenschaftliche Nutzbarkeit macht auch die Piratenpartei aufmerksam.
Wer sich beobachtet fühlt, passt sein Verhalten automatisch an.
Auch wenn durch die lange Dauer der Testreihe (mindestens 1 Jahr, eventuell sogar noch länger) ein Gewöhnungseffekt auftritt, fragwürdig bleibt der Nutzen schon. BTW, der Nutzen: Verantwortlich für das Vorhaben ist die Firma Ströer, Deutschlands Marktführer für Außenwerbung und Spezialist für Stadtmöblierung. Dem entsprechend ist auch das Ziel des Vorhabens definiert:
So können wir Zielgruppen im öffentlichen Personennahverkehr noch besser zuordnen. Verkehrsmedien sind für Mediaplaner und Werbungtreibende so zukünftig noch transparenter.
oder noch deutlicher die Projektverantwortliche beim Fraunhofer-Institut:
„Die anonymisierten Daten über Fahrgastverhalten sind notwendig, um sicherzustellen, dass auch morgen noch die Ausstattungen der Verkehrsmedien, mit den Anforderungen der Fahrgäste und Altersgruppen übereinstimmen. Zudem lassen sich so Kategorien von Fahrgästen und damit noch genauere Zielgruppen bilden.“
Na wer sagts denn. Die Ausspähung der ÖPNV-Nutzer geschieht zum Nutzen einer zielgerichteteren Werbung im Bus. Sorry, aber das ist für mich KEIN ausreichendes Argument für diesen Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Nutzer.
p.s. Sehr Schade finde ich es auch, dass sich Mainz 05 für dieses Vorhaben als positiver Imageträger hergibt. Letztlich bleiben sie nur das Deckmäntelchen für den neuen Mainzer Ausspäh-Bus.
p.p.s. Ein Nutzer berichtet via Twitter davon, dass er am Bus nicht auf die Überwachung hingewiesen wurde.
p.p.p.s. und bitte beachtet den „Mainzer Ausspäh-Bus Fotowettbewerb„, den ich gestartet habe. Gibt tolle Preise!
26. Januar 2010 at 15:24
Interessant wäre mal, genau zu wissen, welche Daten erfasst werden. Gibt es da nicht die Möglichkeit, dass man seine eigenen erfassten Daten einsehen möchte? Schließlich ist das mit der Anonymisierung ja bloß ein schlechter Witz.
26. Januar 2010 at 16:30
Hallo,
Kann diese Art der überwachung nicht politisch verboten werden? Ich bin auf Bus und Bahn in Mainz nämlich angewiesen, habe aber keine lust mich so zu beobachten zu lassen und einen anderen Bus muss man ja auch nicht nehmen, um eben nicht zu spät zu kommen. Das normale überwachungskameras in Bussen gibt ist ja ok und dient der Sicherheit aber SOETWAS geht doch jetzt echt zu weit.
Mfg Mirco
26. Januar 2010 at 16:35
Sobald ich alle notwendigen Informationen haben, werde ich das mal rechtlich prüfen. Egal wie das ausgeht, politisch bleibe ich dagegen. Mich filmen zu lassen, damit die Werbeindustrie mehr über mich weiß ist einfach unfassbar.
27. Januar 2010 at 00:31
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von gruene_rlp, Felix Schmitt, Daniel Köbler, PcEnte, Michael J. und anderen erwähnt. Michael J. sagte: Hatte ich ja schon mal. Egal, nochmal: RT @gruene_rlp: Mainzer Ausspäh-Bus unterwegs http://is.gd/74VOI #gebloggt #Datenschutz #Mainz [...]
27. Januar 2010 at 10:26
Jaja, das sind die richtigen. Und dann beim Bezahlen im Supermarkt schööön clever die Paybackkarte hinlegen, um Punkte zu sammeln.
27. Januar 2010 at 10:52
@adulto: Wems egal ist, dem darfs egal sein. Mir nicht.
27. Januar 2010 at 15:15
[...] : "http%3A%2F%2Fwalpoden5.de%2F2010%2F01%2F27%2Fmainzer-ausspah-bus-fotowettbewerb%2F" } Wenn der Mainzer Ausspäh-Bus alles protokolliert, machen wir das doch einfach auch. Also starte ich frei nach dem Motto [...]
27. Januar 2010 at 15:17
Wer will, darf sich gerne an meinem gerade ausgerufenen, tiptopsuper „Mainzer Ausspäh-Bus Fotowettbewerb“ beteiligen:
http://walpoden5.de/2010/01/27/mainzer-ausspah-bus-fotowettbewerb/
29. Januar 2010 at 15:25
[...] } Laut der der Mainzer Rhein-Zeitung vo29. Januar sammelt der Mainzer Ausspäh-Bus gar keine Daten: Erlhof: Bus sammelt keine [...]