Am Nürburgring läuft ja gerade einiges schief. Vor ein paar Tagen wurde einer der beiden Geschäftsführer rausgeworfen, ihm wird Mitverantwortung für das Desaster unterstellt. Nachdem Finanzminister Deubel wegen des Scheiterns der Finanzierung zurücktreten musste (er saß einer Reihe von Betrügern auf), ist Lippelt, also das zweite Opfer der Misswirtschaft. So war zumindest bis vor kurzem die Sichtweise, welche in den Medien und der Politik die größte Verbreitung fand.

Eine ganz neue Interpretation brachte nun die PR-Agentur Dederichs Reinecke und Partner in die Debatte ein. Laut eigenem Internetauftritt sind sie Partner der Nürburgring GmbH, ihre Aufgabe stellen sie hier wie folgt dar:

EIFELDORF „GRÜNE HÖLLE“

Rund 100 Meter von der Grand-Prix-Strecke des Nürburgrings entfernt entsteht derzeit das Eifeldorf „Grüne Hölle“

Im Rahmen des Nürburgring-Ausbaus zu einem ganzjährigen Freizeit- und Businesszentrum entstehen im Eifeldorf auf 33.000 Quadratmetern Fläche Restaurants, themenbezogene Bars, Snack-Bars, ein Café und ein Drei-Sterne-Hotel der Lindner Hotels AG. Insgesamt bietet das Eifeldorf „Grüne Hölle“ Platz für bis zu 5.000 Gäste und wird zukünftig der Treffpunkt am Ring. Unsere Aufgabe: strategische Beratung, klassische Presse- und Medienarbeit in den Bereichen Tourismus, Immobilien und Event.

angeblich versuchte PR-Agentur Beeinflussung

Ob aus eigenem Antrieb, oder durch Anregung der Auftragsgeber, die PR-Agentur Dederichs Reinecke und Partern versuchte wohl die Schuldfrage durch „klassische Presse- und Medienarbeit“ zu verschieben. Sie riefen bei Journalisten an, um (kurz zusammengefasst) mitzuteilen, dass die GRÜNEN durch ihre ständige Nöhlerei das Projekt Nürburgring „gefährden“ würden. Die Verantwortung für das (mögliche) Scheitern der Steuergeld-Investition am Nürburgring läge also nicht (nur) bei der Landesregierung, sondern bei einer Partei in außerparlametarischer Opposition. Dumm nur, wenn einige dieser Journalisten nichts besseres zu tun hat als uns zu kontaktieren und darüber in Kenntnis zu setzen. Die Einschätzung der Presse gabs teilweise frei Haus mit dazu. Erfolgreich war Dederichs Reinecke und Partner demnach nicht.

Der Mitinhaber der Agentur widerspricht meiner Sicht vehement. „Wir wissen nur, dass kein Mensch in unserer Agentur jemals bei einem Medium angerufen hat um die Grünen ernsthaft für irgendetwas verantwortlich zu machen.“ (Zitat aus den Kommentaren).

Sollten meine Vorwürfe zutreffen, ist unser Einfluss auf die großen Projekte in Rheinland-Pfalz wirklich höher einzuschätzen als von mir gedacht.

Warum die GRÜNEN?

Ich kann mir denken, warum außgerechnet die GRÜNEN hier die Prügel beziehen sollen. Sowohl Landesregierung als auch die Nürburgring GmbH benötigt schnell einen Katalysator für den vielen Frust der Beteiligten (und der Genossen). Wenn man es schon nicht selbst sein möchte, wer bietet sich da an? Am besten doch eine kleine Partei, der man schon lange unterstellt, Infrastrukturprojekten auf dem platten Land sehr kritisch gegenüber zu stehen. Am besten eine Partei, von der einige immer noch behaupten, ihr wäre die „grüne Wiese“ lieber als ein Nürburgring oder ein Flughafen Hahn. Das stimmt zwar in keinster Weise mit der Realität überein, ist aber scheinbar als Ablenkungsmanöver aus Sicht der Agentur (Landesregierung?/Nürburgring GmbH?) geeignet.  Die GRÜNEN sind durch ihren Status als außerparlamentarische Opposition auch nicht in der Lage, in der Öffentlichkeitsarbeit auch nur halbwegs gegen die Regierung anzustinken. Als Opfer, dass sich nur schwer wehren kann, sind sie wohl geeignet.

Billig, durchschaubar und Steuergeldverschwendung

Der Landtag hat vor kurzem mit Zustimmung der SPD einen Untersuchungsausschuss zum Nürburgring eingerichtet, Ministerpräsident Beck hat gegenüber der Rhein-Zeitung am 10. Oktober in einem Interview zum Nürburgring erklärt: „Wir haben jetzt in 17 Regierungsjahren an einer Stelle einen gravierenden Fehler gemacht. Für den ist Verantwortung übernommen worden.„. Die vermuteten Telefonanrufe der PR-Agentur sollen also scheinbar gegen den offiziellen Aufklärungswillen der SPD an einer Legendenbildung arbeiten, damit das Los des Versagens bei der Landtagswahl 2011 nicht allein von der Landesregierung getragen werden muss. Dass die Landesregierung oder die Nürburgring GmbH dies mit solchen Methoden versucht, grenzt aber an einen politischen Skandal.

Ein paar Fragen habe ich jetzt aber noch:

1. Gab es diese Telefonanrufe? Wer gab sie in Auftrag? Die Geschäftsführung der Nürburgring GmbH, der Aufsichtsrat der Nürburgring GmbH oder direkt die Landesregierung in Mainz?
2. Wieviel Geld bekommt die Agentur für diese Anrufe?
3. Aus welchem Topf werden sie gezahlt?
4. Wurden hier Steuergelder verwendet?

p.s.

Ich bin fest davon überzeugt, die GRÜNEN werden ihre Aufklärungarbeit am Nürburgring fortsetzen. Dort liegen garantiert noch einige Leichen im Keller, und die werden wir auch finden. Dabei geht es NICHT darum, das Projekt Ring Werk zu beerdigen oder die Existenzberechtigung generell in Frage zu stellen. Es geht darum, Misswirtschaft auf Steuerzahlerkosten aufzudecken, Verantwortlichkeiten klar zu machen und ein finanziell solides Modell Projekt Nürburgring auf den Weg zu bringen. Damit dieses gelingt, müssen die Fehler der jüngsten Vergangenheit aufgearbeitet werden. Dass machen wir gemeinsam mit der Opposition im Landtag und einer interessierten Öffentlichkeit. Begleitet und kommentiert wird es von der Presse. Und schön, dass die Journalisten in Rheinland-Pfalz da einen ganz eigenen Kopf haben, und auf diese billige Propaganda nicht hereinfallen.

edit: in den Kommentaren (#5)  findet sich nun  auch eine Stellungnahme des Inhabers der Agentur. Sie widerspricht sehr vehement dessen, was uns zugetragen wurde.

edit 30. Oktober: Ich habe den Artikel überarbeitet. Wer Interesse an den Hintergründen dazu hat, darf gerne die Kommentare zum Eintrag lesen.